Sankt Urban und der Wein

urban1Von Rüdiger Herterich
„Eine bloße Saufgesellschaft ist noch lange kein Orden, sonst müssten ja sehr viele Orden in dem lieben Deutschland existieren.“
Diese ketzerische Bemerkung von Magister Lauthard aus dem 18. Jahrhundert gilt heute noch immer. Weinkultur ist mehr als gehobene Stimmung und festlicher Rahmen. Und das Wissen, um diese Kultur zu pflegen, ist ein Ziel der Weinbruderschaften.
Diese sind die legitimen geistigen Nachfahren antiker Weingesellschaften, der weinfröhlichen klösterlichen Orden des Mittelalters, sowie ständischer Vereinigungen, Rebleute- und Weinburgsgesellschaften. Besonders weit verbreitet waren hier die Urbansbruderschaften. Diese trafen sich in Sankt Urbans Namen und waren soziale Solidargemeinschaften, religiöse Korporationen und manchmal auch Standesbehörden. Gelegentlich waren sie eine Art untere Aufsichtsbehörde für den Weinbau, in den evangelischen Regionen fanden sie mit der Reformation ihr Ende, in den katholischen Regionen kam das Ende 1783 durch ein Edikt des aufklärerischen Habsburgerkaisers Joseph II.

Warum eine Urbansbruderschaft?

Neben einem Dutzend lokaler und regionaler Weinpatrone gilt Sankt Urban als der eigentliche Schutzpatron des Weinstocks wie auch des Winzers.
Nach dem Wort des Prälaten, Volkskundlers und Weingelehrten Georg Schreiber gebietet Sankt Urban „gleichsam als ein geistiger Territorialherr“ über die Reblande vom Main bis zum Bodensee.. Warum das so ist, leuchtet einem auf den ersten Blick eigentlich nicht so recht ein. Denn eigentlich ist Urbans Herkunft selbst heute noch unklar.
Welcher Urban wurde nun als Schutzpatron erkoren? Ursprünglich war es wohl Sankt Urban, der Bischof von Langres, der im fünften Jahrhundert lebte. Sein Namensfest war am 2. April. Langres liegt an der Straße von Nancy nach Dijon, war Hauptstadt der Grafschaft Langres und seit dem vierten Jahrhundert Bischofssitz. Bischof Urban wird mit einem Rebstock dargestellt, hinter dem er sich vor seinen Verfolgern versteckt haben soll. An sich ein schwacher Bezug zur Rebe, aber sie hat ihm offenbar das Leben gerettet.
urban2In Deutschland ist man von diesem Urban zum Papst Urban übergegangen, der von 220 – 230 auf dem Stuhl Petri saß. Er war Römer. Während seines Pontifikates soll er angeordnet haben, dass Kelch und Patene für die heiligen Messopfer stets aus Silber oder Gold gefertigt sein sollten. Als Attribut hat man ihm unter anderem einen Kelch beigegeben, den die Winzer dann durch eine Weintraube ersetzt haben.
In der Literatur ist gelegentlich von einem dritten Urban die Rede, der Patron der Weingärten war. Er lebte im siebten Jahrhundert und soll ein Schüler von Gallus gewesen sein, der im Raum Heilbronn missionierte. Es stellt sich nun die Frage, warum man vom Sankt Urban, Bischof von Langres, zum Papst Urban übergegangen ist. Von Urban von Langres sind zwar etliche „Wunder“ überliefert, so auch, dass man ihn vor Unwettern bei der Weinlese angerufen habe, dadurch wird die mitteleuropäische „Urbansverehrung“ noch lange nicht erklärt. Von der Übertragung auf den römischen Namensvetter ganz zu schweigen.
War der erstere zu lokalfranzösisch, oder lag sein Namensfest nicht so günstig, 2. April zum 25. Mai, oder dachte man vielleicht daran, dass es die Römer waren, die den Weinbau bei uns eingeführt haben?
Der Reformator Melanchthon interpretierte ihn folgendermaßen: „Sankt Urban wird dafür gehalten als die Heiden etwa Bacchum hielten.“
Mehr Klarheit hinsichtlich des Urbanskults bringt dagegen das mittelalterliche Recht. Sankt Urban steht unter dem 25. Mai im Heiligenkalender. Hier ist die Frühjahrsarbeit in den Reben beendet, die Vegetationszeit hat begonnen. Im Sachsenspiegel steht „Am Sankt Urban sind Weingarten- und Baumgartenzehnt verdient.“ Also ein für die Landwirtschaft durchaus wichtiges Datum.
Der Urbanskult begann mit Flurprozessionen und Bittgebeten für das Gedeihen der Reben. Bereits 1251 finden wir davon Spuren im Elsass. Danach häufen sich die Quellen. In der bäuerlichen Arbeitswelt ging man manchmal recht derb mit dem Heiligen um. Beispielsweise wurde Sankt Urban, wenn es am 25. Mai regnete, rituell bestraft: "Wenn Sankt Urban kein guturban3es Wetter geit, wird er in die Pfützen gleit. Da Urban sauf Wasser, wir kriegen auch nichts anderes!"
In früheren Zeiten sprach man allerdings auch öfter von der „Urbansplag“ - der Gicht. Die „sanften Strapazen der Liebe! - der Suff und ein cholerisches Temperament – galten als Ursachen: Bacchus der Vater, Venus die Mutter, Ira die Hebamm – die zeugen das Podagram*.
Ludwig Uhland formulierte seine Gedanken zu Sankt Urban folgendermaßen: "Und wenn es Euch wie mir ergeht so betet, dass der Wein gerät, ihr Trinker insgemein! Oh heilger Urban schaff uns Trost gib heuer uns viel edlen Most, dass wir dich benedein."
Ich selber erinnere mich, als Kind einmal in der Herderner Kirche den Spruch gelesen zu haben: "De heilge Sankt Urbe sait Manne ich kenns de Wii isch für d Mensche s Wasser für d Gäns."

Vielleicht sind diese Ausführungen eine Anregung, einmal am Urbanstag etwas zu unternehmen.

*Ira (Römische Muse "der Zorn", Tochter des Aether und der Erde)
Podagram = Fußgicht

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