Martini am 11. November

(von Rüdiger Herterich)
martinsgans1Die verschiedenen Bräuche wurzeln in zwei wohl zusammenhängenden Umständen. In der von Byzanz beeinflussten Christenheit lag der Martinstag zunächst am Beginn der 40-tägigen Fastenzeit ab dem 11. November, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein – in den Orthodoxen Kirchen teilweise bis heute – vor Weihnachten begangen wurde. Am letzten Tag vor Beginn dieser Fastenzeit konnten die Menschen – analog zur Fastnacht – noch einmal schlemmen. So wird noch heute beim rheinischen Karneval die neue „Session“ am 11. November ausgerufen. Daneben war der Martinstag auch der traditionelle Tag des Zehnten. Die Steuern wurden früher in Naturalien bezahlt.
Der volkstümliche Brauch der Martinsgans, die man vielerorts zum Martinsfest verzehrt, basiert hierzulande auf dem Martinstag als Hauptzinstag: Am Martinstag begann das neue Wirtschaftsjahr des Bauern, an das Gesinde wurde die Löhne bezahlt, Pachtverträge wurden geschlossen, Steuern abgeführt, Knechte und Mägde konnten, wie an Lichtmess, den Dienstherrn wechseln. Zu Martini wurde das Vieh geschlachtet, das aus Kostengründen nicht den ganzen Winter hindurch gefüttert werden konnte: dazu gehörten die Gänse; so ergab sich der Brauch, am Martinstag, vor dem großen Fasten im Advent, Gänsebraten zu essen.
Es hat seinen Ursprung angeblich in einer Legende über Martins Leben: Entgegen seinem eigenen Willen und trotz Vorbehalten des Klerus drängte das Volk von Tours darauf, Martin zum Bischof zu weihen. Asketisch und bescheiden, wie er sein Leben führte, hielt er sich unwürdig für solch eine große Verantwortung. Folglich versteckte er sich in einem Gänsestall. Die Gänse jedoch schnatterten so aufgeregt, dass Martin gefunden wurde und geweiht werden konnte.
Einer anderen Erzählung nach verwandten die Bürger von Tours eine List: Rusticus ging nämlich zu Martins Versteck und bat diesen, seine kranke Frau zu besuchen. Hilfsbereit, wie Martin nun einmal war, nahm er seine Sachen, um Rusticus nach Hause zu begleiten. Wahrscheinlich sah er ziemlich schmutzig aus – als habe er eine Zeit lang in einem Gänsestall gelebt.
Weiter wird angeführt, dass eine schnatternde Gänseschar in den Kirchraum watschelte, und dabei Bischof Martin bei seiner Predigt unterbrach. Sie wurden gefangen genommen und zu einer Mahlzeit verarbeitet.
Martin war der erste Nichtmärtyrer, der als Heiliger verehrt wurde.
Eine Sage berichtet auch, dass Martin Luthers Geburt am 10. November mit einem Festessen am 11. November gefeiert wurde. Das war ein knuspriger Gänsebraten; weil die Gänse, die man im Sommer mästete, zu dieser Zeit schlachtreif wurden.
Mit der Ausdehnung des Fränkischen Reiches breitete sich der Martinskult nach Osten aus, zunächst besonders im Harz und in Thüringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Flüchtlinge aus Schlesien den Brauch der Martinsumzüge in den Westen Deutschlands: an der Spitze des Zuges reitet "der Heilige", oft vom Bettler begleitet; dann folgen singende Kinder mit Lampions in den Händen. Der Lichterbrauch geht auf die Bedeutung Martin Luthers in Thüringen zurück: am 10. November, dem Geburtstag Luthers und Vorabend des Fests seines Namenspatrons, versammelten sich auf dem Erfurter Domplatz abends Kinder mit Papierlaternen, um des Reformators zu gedenken. Der Martinsumzug ist nun in der katholischen Kirche ein Teil der Lichtsymbolik, welche am Allerseelentag am 2. November beginnt und über Advent und Weihnachten bis Lichtmess am 2. Februar führt. martinsgans2
Es war Brauch in dieser Zeit, dass die Dorf- und Stadtbewohner ihre gute Nachbarschaft am Martinstag mit einem ausgiebigen Mahl feierten. Dazu wurde ein schöner Gänsebraten aufgetischt und sehr viel Wein gebechert. Aber nicht jede Familie war in so einer vermögenden Lage und so wurden von finanziell besser gestellten Nachbarn, Freunden und Bekannten die armen Häusler, denen das Halten von Gänsen untersagt war, zu dem Festessen eingeladen.
Dieser Brauch hat sich bis in die heutige Zeit gehalten, allerdings in etwas abgewandelter Form. Es werden auch heute noch am Martinstag die Freunde und Verwandten zu einem Gänsebraten eingeladen. Mit dieser schönen Geste wird sich bedankt für die Freundschaft und das gute Zusammenhalten.

Wetterregeln für Martini:
Wenn an Martini Nebel sind,
wird der Winter meist gelind.

Ist Martini klar und rein,
bricht der Winter bald herein.

Hat Martini einen weißen Bart,
wird der Winter lang und hart.

Wenn die Martinsgänse auf dem Eise geh’n,
muss das Christkind im Schmutze steh’n.

An Martini begann in der Markgrafschaft das mancherorts auch heute noch übliche ”ätznen" (für Nichtmarkgräfler ”nachlesen”), das eine biblische Grundlage hatte. Ich zitiere hierzu:
3. Buch Moses, Kapitel 19, Vers 10 ”und in Deinem Weinberg sollst Du nicht nachlesen und die abgefallenen Beeren sollst Du nicht auflesen, für den Elenden und den Fremden sollst Du sie lassen. Ich bin der Herr, Dein Gott!"
5. Buch Moses, Kapitel 24, Vers 1 ”Wenn Du in Deinem Weinberg Lese hältst, sollst Du nicht hinterher Nachlese halten. Für den Fremden, für die Waise und die Witwe soll es sein."
Martini leitete auch den Winter ein. Auf dem Land begann mit Beendigung der Feld- und Gartenarbeit eine ruhigere Zeit, der winterlichen Ruhezeit der Natur entsprechend. Die langen Abende wurden zu Arbeit und Geselligkeit genutzt. Nach der Stallarbeit und dem Nachtessen fanden sich die Hausbewohner, dazu oft Nachbarn und Bekannte, zu kleineren Arbeiten in der warmen Stube zusammen. Männer und Burschen reparierten Gerätschaften, flochten Strohbänder, banden Besen, haspelten das Garn oder machten sich anders nützlich.
Frauen und Mädchen saßen am Spinnrad, flickten, nähten oder strickten. Gleichzeitig verlasen Kinder Bohnen, Erbsen und Linsen oder drehten die Haspeln. Die Mädchen wurden ins Spinnen eingewiesen, was schon mit sechs, sieben Jahren geschah.

(Gänse-Foto: Elmar Burggraf/ Rössle)

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